Der Duft von Zirbenholz

Kurzer Vorab-Auszug aus meinem Buch über das praktische Mattering

"Fallen oder Fliegen - Momente, die alles veränderten"  *

 

Na Peter, was willst du denn mal werden?

Heute antworten vielleicht manche Kinder: “Irgendwas mit Handy”. Aber auch mir fiel damals immer nichts ein. So doofe Sachen wie Feuerwehrmann oder Kosmonaut wollte ich nicht sagen. Gedacht habe ich vielleicht “irgendwas mit Frauen “– hahaha.

Nirgendwo sah man in Zeitschriften nackte Haut. Im Biologiebuch vielleicht schematische Schnitte durch Menschen, aber lassen wir das.

Im Alter von 10 bis 12 Jahren sah ich im Kino tatsächlich einen Hollywood-Streifen nach Jules Verne: "20.000 Meilen unter dem Meer" mit Kirk Douglas. Der Mann packte mich. So wollte ich auch sein – die große weite Welt sehen. Und tolle Frauen gab es da sicherlich auch. Das habe ich auch tatsächlich verwirklicht: aus der DDR rauszukommen und alles zu sehen, was sonst verboten war. Das war toll.

Meinem Freiheitswillen stand aber entgegen, dass auf den Schiffen der Handelsflotte die Befehlsgewalt des Kapitäns und weiterer Hierarchien herrscht. Meine ordentliche Lehrzeit zum Vollmatrosen der Handelsschifffahrt schloss ich nach 2 Jahren erfolgreich ab. Irgendwie passte ich wohl nicht genau ins System und ich wurde später nach einer schon 5 Monate dauernden Reise nach Asien mit 5 anderen Kollegen nach Hause, zurück ins Gefängnis DDR, geflogen, um rechtzeitig bei der NVA antreten zu können. Gefühlt war ich schon seit den "Jungen Pionieren" mit der Einschulung beim Militär…

Nachdem ich 18 Monate NVA absolviert hatte, teilte mir mein Arbeitgeber, die Deutsche Seereederei Rostock, mit, dass sie mich in meinen einzigen erlernten Beruf nicht mehr zur See fahren ließen. Und lapidar hieß es dann, dass ich mir etwas anderes an Land suchen solle. Berufsverbot nennt man das Heute.

Was tun? Ein alter Spruch: Handwerk hat goldenen Boden.

Aber dann kam der entscheidende Moment. Ich weiß nicht, wobei es geschah, aber ich hatte plötzlich den Geruch von Holz – scheinbar ein besonderes Holz – in der Nase und wurde in der Zeit zurückkatapultiert, als mein Großvater Franz in seiner kleinen Hobbywerkstatt Möbel für uns Kinder baute und somit unseren Kinderzimmer-Ersatz schuf.

Es war genau dieser Geruch, der mich zum Tischlerberuf lenkte. Das war es!

Ich hatte Glück und konnte in einem kleinen, privat gebliebenen Tischlerbetrieb umschulen. Das machte mir Spaß und wurde zu meiner Lebensgrundlage. Nicht nur das – zur Identifikation meiner Person. Ich kann meinen Beruf kaum von mir und meinem Wesen trennen. Nachteil oder Vorteil? Ich weiß es nicht und sehe es als gut und gegeben.

Diesen Geruch jedenfalls, der alles spontan veränderte, hatte ich danach nie wieder.

Als ich schon 40 Jahre als Möbeltischler selbstständig war, hatte ein Kunde aus der Schweiz den Wunsch, dass die Schübe seiner Nachttische aus Zirbe sein sollten. Ich hatte sie bis dato nie verarbeitet, da dieser Wunsch nach diesem Holz zum ersten Mal hier aufkam. Also besorgte ich das seltene Holz aus den Höhenlagen der Alpen und verarbeitete es.

Jetzt war er endlich wieder da – der wundervolle Duft dieses Holzes, das ich bei meinem Opa roch und der so vieles für mich bewirkt hat.

 

PS: Mein Erlebnis mit dem Zirbenduft zeigt, wie mächtig Gerüche im Gehirn wirken. Sie katapultieren uns blitzartig in frühere Zeiten zurück – mit allen Gefühlen von damals. Die Wissenschaft nennt das den Proust-Effekt. Geruchsausgelöste Erinnerungen sind meist sehr alt, extrem lebhaft und emotional stark. Genau so war es bei mir: der Holzgeruch bei Opa, Jahrzehnte später wieder bei der Zirbe. Solche Erinnerungen sind eng mit unserer Identität verknüpft. Sie machen spürbar, wer man im Kern ist. Düfte können Wegweiser sein – ein Geruch kann eine ganze Lebensrichtung anstoßen. Bei mir war es der Holzduft, der mich zum Tischler machte.

 

 

PPS: Mattering zeigt sich auch in der Berufswahl. Warum bei mir dann ausgerechnet Tischler? Ich wollte erlernen, wie man eine Schublade macht und schöne Möbel natürlich. Meine Möbel überleben mich. Frag dich: Was willst DU hinterlassen? Was möchtest du schaffen, das nach dir bleibt? Das ist nicht Eitelkeit – das ist das menschliche Bedürfnis zu zählen, auch über “meine Zeit” hinaus…


* Durch mein Buch zieht sich das Thema des heute so genannten "Matterings", wie ein roter Faden. Dafür ist das PPS. Erfahren Sie mehr auch hier: You matter>> auf meiner website

 

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