Oloid und Doppelkeil


 

vom Begreifen guter Formen

Manche Formen tauchen "designt" einmal auf und verschwinden wieder.

Und manche bleiben.

Das Oloid begleitet mich seit Jahrzehnten. Ich habe es früh als Handschmeichler aus Holz nachvollzogen – einfach, weil es mich nicht mehr (haptisch) losgelassen hat. Später machten wir Oloide aus verschiedenen Hölzern und hatten sie immer wieder auf Märkten dabei. Eher nebenbei, denn eigentlich bin ich bei den Möbeln zu Hause.

Doch das Oloid ist für mich mehr als ein geometrisches Experiment.

Es ist ein Objekt, das man nicht nur anschauen, sondern unbedingt in die Hand nehmen will.

 

Ein Handschmeichler – und ein Werkzeug für die Hand

Ich habe das Oloid auch bewusst in einer Größe gefertigt, die gut in die Hand passt.

Und dabei ist mir etwas aufgefallen, was nichts mit Mathematik zu tun hat – sondern mit Alltag:

Wenn man in der kalten Jahreszeit spazieren geht und so ein Oloid in der Hand bewegt, dann bleibt die Hand warm – und die Beweglichkeit der Finger wird gefördert.

Ein kleiner, fast beiläufiger Effekt. Aber einer, der mir gefällt. Denn er zeigt:

Gute Formen können mehr, als man zuerst denkt.

Yin und Yang – in Körperform.

Natürlich ist auch die Geschichte hinter dem Oloid spannend: Paul Schatz entdeckte diese Form und beschäftigte sich insbesondere mit seinen Bewegungsprinzipien.

Aber ich bin Handwerker, kein Mathematiker.

Was mich am Oloid wirklich fasziniert, ist etwas anderes:

Für mich ist es die Verkörperung von Yin und Yang - fast jeder kennt dieses Symbol.

Das Oloid holt dieses Prinzip in die Dreidimensionalität: Zwei Pole, zwei Seiten – und doch ein zusammenhängender Körper.

Man kann es somit im wahrsten Sinne begreifen.

Und genau das ist für mich das Interessante daran.


 

Und vom Runden zum Geraden ...

Und irgendwann kommt bei mir ganz automatisch die nächste Frage:

Gibt es eine Form, die einen ähnlichen Charakter trägt –

aber geradliniger ist? Archaischer? Mehr Werkzeug als Symbol?

So bin ich zu dem gekommen, was ich heute schlicht Doppelkeil nenne.

Geometrisch betrachtet ist es ein Tetraeder – aber im Handwerk ist es für mich vor allem eins:

Keile - und doppelt, in einem Stück - (wie es beim Oloid 2 ineinandergreifende Kreise sind, sind es hier 4 Dreiecke).

Der Doppelkeil ist länglich, klar, einfach.

Und in der Hand fühlt er sich an wie ein Urwerkzeug, fast wie ein Faustkeil.

 

Peter Seeland
Doppelkeil aus Eibe

Der Doppelkeil als Grundelement

Wichtig vorweg:

Der Doppelkeil ist keine historische Shaker-Form.

Er gehört zu mir. Er ist ein Arbeits- Grundelement für mich.

Und damit ist er genau das Teil, das mir ermöglicht hat, ein Shaker-ähnliches System an Zubehör und Möbelideen weiterzuentwickeln. Mein Oberbegriff für das nicht Verharren in einer Sackgasse ist "SHAKER-Line"

Die Shaker-Leiste ist Ordnung an der Wand.

Der Doppelkeil ist das verbindende Element, das diese Ordnung in den Raum führt – zum Benutzer hin.

Er vollzieht diese Richtungsänderung so selbstverständlich, dass Zubehör nicht „drangehängt“ wirkt, sondern sich logisch ergibt.

 

Was daraus entstanden ist (und was noch entsteht)

Ich habe mit dem Doppelkeil über die Jahre vieles ausprobiert – nicht nur Zubehör, sondern auch Möbelideen.

Es gibt kleine Studien und Aufträge, die bis zu Hockern und Couchtischen reichen, bei denen die Beine als Doppelkeil ausgeführt sind. Ich habe Sprossenlösungen für Bett-Häupter damit gebaut, Verbindungen – immer wieder taucht dieses Element auf.

Es zieht mich regelmäßig in seinen Bann.

Und genau so war es auch gestern:

25 Doppelkeile – eine archaische Serie

Ich habe einen ganzen Arbeitstag damit verbracht, eine Serie zu fertigen:

Alle in gleicher Form und Größe – aber aus unterschiedlichen Hölzern und mit unterschiedlichen Oberflächen.

Verwendet habe ich: Esche, Eiche, Apfel, Kirschbaum, Nussbaum, Rüster/Ulme, Ahorn, Birke, und Eibe

Einige Hölzer habe ich naturbelassen, andere bewusst „gealtert“.

Eiche und Esche habe ich gelaugt und geflämmt, anschließend gebürstet und sauber behandelt – so, dass nichts abfärbt. Diese Stücke wirken, als wären sie aus einer anderen Zeit: archaisch, dunkel, fast wie Fundstüc ke.

Bei der Eibe habe ich die warme Farbe stehen lassen – bei einzelnen Stücken mit einer dunklen Hälfte: wieder als Andeutung von Pol und Gegenpol, von Yin und Yang.

Wozu?

Vielleicht ist das die schönste Frage überhaupt.

Denn nicht jedes gute Objekt muss sich sofort über eine klare Funktion erklären.

Manche Dinge sind zunächst einfach da: als Handschmeichler, als Werkzeuggefühl, als Formstudie oder 

als Auslöser von Ideen

Und manchmal wird daraus später etwas sehr Praktisches.

In meinem Shop gibt es bereits Zubehör, das auf dem Doppelkeil basiert. Aber ich habe ihn bisher nie als das gezeigt, was er auch sein kann:

ein alleinstehendes, archaisches Objekt aus Holz.

 

Wie es weitergeht

2026 wird sich bei mir einiges bündeln:

mehr Fokus auf SHAKER-Line und Nodus

Im nächsten Beitrag sehen Sie, wie aus dieser archaischen Grundform konkrete, brauchbare Dinge entstehen – als Zubehör zur Shaker-Leiste und darüber hinaus – Schritt für Schritt.  

Vom Einfachen das Beste.

 



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Kommentare: 1
  • #1

    Tilman Ehrenstein (Mittwoch, 21 Januar 2026 20:48)

    Ein sehr schöner Beitrag!

    An Ihnen ist ein Kunsthistoriker (wenn nicht gar ein Philisoph) verloren gegangen. Aber seien Sie froh, dass Sie dem Handwerk treu geblieben sind und nicht die Bodenhaftung verloren haben, denn dadurch scheidet sich das Überflüssige vom Notwendigen.

    Mit herzlichen Grüßen
    Ehrenstein