Was scheint- durch?

Manche Dinge werden durch Gebrauch schöner. Das sieht man oft erst auf den zweiten Blick: an einer Kante, die oft berührt wurde, an einem Griff, der über Jahre in der Hand lag, an einer Fläche, die nicht mehr neu aussieht, sondern gelebt. Durch Benutzung, Berührung und Zeit kann eine Schönheit sichtbar werden, die sich nicht beschleunigen lässt.

In meiner Arbeit als Tischler beschäftigt mich das schon lange. Eine Oberfläche ist nicht einfach nur Oberfläche. Sie ist nicht bloß das, was obenauf liegt. Manchmal zeigt sich gerade an ihr, was darunter steckt.

Wenn ich z.B. eine Box zuerst schwarz lackiere, dann rot, und später das Rot wieder anschleife, hole ich das Schwarz bewusst wieder hervor. Dadurch entsteht Tiefe. Es entstehen Spuren, die nicht wie Fehler wirken, sondern wie (vor-)gedachtete Nutzung.

Alles, was weiter außen liegt, wird zuerst geprüft. Das Vorstehende wird berührt, zuerst angegriffen, "arbeitet" sich zuerst ab.

So ist es bei Dingen, in der Landschaft, beim Material – und wohl auch bei uns Menschen. Was außen liegt, muss sich bewähren. Berührung und Zeit stellen die Oberfläche auf die Probe. Darum fasziniert mich Patina. Nicht als bloßer Alterungseffekt, sondern als Zeichen von Gebrauch.

Wo viel Berührung war, ist oft auch Bedeutung (gewesen). Eine abgegriffene Stelle, eine geglättete Kante, ein Glanz an einer bestimmten Fläche zeigen: Dieser Gegenstand war nützlich. Er stand im Leben. Er wurde gebraucht. Das erlebe ich meist auch bei Museumsbesuchen, insbesondere, wenn es um bäuerliches Gerät geht... Ähnliches sieht man auch oft an Bronzeplastiken im öffentlichen Raum. Manche Stellen glänzen stärker als andere, weil Hände sie immer wieder berührt haben. Eine Nase, ein Ohr, eine hervorstehende Form. Dort wollten Menschen anfassen, prüfen, begreifen. Das bloße Anschauen nutzt Dinge nicht ab. Aber das Berühren hinterlässt die einzigartigen Spuren. Wir begreifen manches erst dann wirklich, wenn wir es mit der Hand geprüft haben: Form, Haptik, Verarbeitung.

 

 

Und bei Menschen ist es nicht viel anders. In jungen Jahren wird oft noch viel betont, überspielt oder verdeckt. Unsicherheit kleidet sich gern in Äußerlichkeiten. Später wird manches unwichtiger. Mit der Zeit fällt etwas ab – nicht nur von Dingen, auch von Menschen. Und meist scheint gerade dann die Schönheit hindurch: weniger gemacht, weniger behauptet, dafür ehrlicher. Eine Schönheit, die nicht mehr beeindrucken muss, sondern einfach selbstverständlich da ist.

Mich interessiert das, weil darin etwas Aufrichtiges liegt.

Nicht jede glatte Fläche ist wahr(haftig).

Nicht jede Spur ist ein Mangel. Manches muss erst intensiv benutzt werden, damit sein Wert sichtbar wird.

Das gilt in der Werkstatt. Und es gilt auch in vielen Lebensbereichen.

 

Was an uns ist nur aufgetragen? Und was lassen wir immer mehr und ehrlicher durchscheinen?

Wo und wann gibt man sich wirklich zu erkennen? 


 

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