Einfach heißt nicht simpel
Was Shaker-Candlestands über Formgefühl, Gebrauch und Experimentierfreude erzählen
Während ich in den letzten Wochen an einer Serie von Shaker-Candlestands gearbeitet habe, ist mir wieder bewusst geworden, wie schnell man sich mit dem Wort „schlicht“ zufriedengibt. Man sagt: Shaker-Möbel sind schlicht. Das stimmt auch. Aber es erklärt wenig.
Schlicht kann arm sein. Schlicht kann bequem sein. Schlicht kann aber auch das Ergebnis vieler Entscheidungen sein. Bei den Shakern war es meistens das Letztere.
Gerade an einem kleinen Möbel wie dem Candlestand sieht man das sehr gut. Auf den ersten Blick ist da nicht viel: eine Platte, eine gedrechselte Säule, drei Beine - gleich: Ein kleiner Tisch, ursprünglich nah am täglichen Gebrauch. Neben dem Stuhl. Für's Licht. Beim Lesen, Nähen, Schreiben oder Ablegen kleiner Dinge.
Aber wenn man genauer hinsieht, wird es interessant. Dann erkennt man, dass die Shaker diese Form nicht einfach einmal festgelegt und dann nur wiederholt haben. Sie haben sich fast daran abgearbeitet. (Ich auch) Immer wieder. Nicht modisch, nicht mit dem Wunsch, etwas Besonderes vorzuführen. Eher so, wie Handwerker arbeiten, wenn sie einer Sache wirklich auf den Grund gehen wollen.
Es gab frühe, einfache Formen mit geraden Stabbeinen. Es gab rundere, weichere Varianten. Es gab sichelförmige Beine, schlangenförmige Formen, Stands mit einer oder zwei Schubladen, mit runder Platte, mit quadratischer Platte. Manchmal war die Lösung sehr einfach, manchmal fast modisch in der jeweiligen Zeit. Aber scheinbar blieb immer die Frage im Hintergrund: Wie wirkt das Möbel im Raum? Wie lässt es sich bewerkstelligen, daß auch das Auge seine Ruhe findet?
Das gefällt mir an den Shakern bis heute. Sie haben die Form nicht vom Nutzen getrennt. Und sie haben Schönheit nicht als "Verschönerung" verstanden. Schönheit war vor allem dort, wo Gebrauch, Material, Proportion und handwerkliche Entscheidung zusammenkamen.
Ich habe im Laufe der Jahre verschiedene Candlestands nach-gebaut. Mit Schublade, mit zwei Schubladen, mit quadratischer Platte, mit sichelförmigen Beinen, in unterschiedlichen Oberflächen. Man lernt dabei nicht nur die äußere Form kennen. Man merkt auch, wo die Linien stimmen und wo nicht.
Wie weit ein Bein auskragen darf. Das hängt oft mit dem Unterschied von nur einem Grad beim Anschluss des Beins in die Säule ab. Wann ein Möbel endlich leicht wirkt. Wir normalen Tischler machen es lieber etwas stabiler - "zur Sicherheit".
Das ist der Unterschied: die Shaker hatten den Mut und die Freiheit zu Reduktion und bis an Grenzen zu gehen. Wir Tischler, die für Kunden arbeiten, wollen anschließend keine Blamage, wenn etwas nicht gehalten hat.
Das ist kein Wissen, das man allein aus Büchern bekommt. Bücher sind wichtig. Zeichnungen sind wichtig. Originale sind wichtig. Aber irgendwann muss das Holz auf die Hobelbank - Tatsachen schaffen! Dann wird aus einer Vorstellung eine Entscheidung. Dann zeigt sich, ob man eine Form wirklich beherrscht, oder nur nachmacht, oder gar auf das feine Detail einfach verzichtet...
Besonders beschäftigt hat mich zuletzt ein seltener Typ, der im Englischen als Spider-Leg bezeichnet wird.
Was mich an diesem Typ interessiert, ist nicht allein seine jetzige Seltenheit. Mir sind dazu nur zwei historische Originale bekannt: eines im Metropolitan Museum of Art in New York und ein nahezu identisches Stück im Hancock Shaker Village. Das Met beschreibt sein Exemplar als eines der feinsten bekannten Stücke dieser Art, mit langgezogenem „wine-bottle“-Mittelpfosten und besonders elegant aus diesem herauslaufende Beinen -welche zudem noch zum Ende am Boden hin verjüngt sind.
Genau dieser Übergang hat mich gereizt. Die Beine wirken nicht angesetzt. Es gibt keine harte Unterbrechung, keine dekorative Geste, sondern eine fließende Bewegung. Das ist handwerklich anspruchsvoll, aber vor allem gestalterisch interessant.
Man könnte sagen: Der ganze Charakter dieses kleinen Tisches steckt im unteren Bereich. Im Stand und in der Art, wie er zum Boden führt.
Das ist vielleicht auch der Grund, warum mich diese Möbel nicht loslassen. Ein Candlestand ist kein großes Möbel. Er steht einfach und selbstbewußt da, wenn er gut gebaut ist. Und gerade darin liegt seine Stärke. Er stimmt, oder nicht, sonst fällt es sofort auf.
Ich habe von diesem Spider-Leg-Typ eine kleine Serie gemacht. Fünf Stück sind inzwischen verkauft, einige sind noch vorhanden. Ich schreibe das nicht als laute Verkaufsanzeige. Wer meine Arbeit kennt, weiß, dass ich solche Dinge nicht mal so nebenbei mache. Mich interessiert an diesen Stücken nicht nur, dass sie schön aussehen. Für mich bedeutet es, dass sie auch eine Art "inneren Stolzes" weitertragen.
Die Shaker haben nicht vereinfacht, weil sie weniger konnten oder wenig Zeit hatten. Sie haben vereinfacht, weil sie wussten, worauf es ankommt. Und schön sollte er trotzallem auch sein. Das ist ein Unterschied.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der auch heute noch gilt. Wir brauchen nicht immer mehr Formen, mehr Effekte, mehr Besonderheiten. Manchmal reicht eine Form, an der lange genug innerlich gearbeitet wurde.
Hier noch eigene Fotos aus der Werkstatt, einigermaßen in Reihenfolge der Arbeitsschritte - damit man sieht, wie so ein kleines Möbel entsteht. (kurze Erläuterung jeweils unter dem vergrößerten Bild)
Denn am Ende zählt im Handwerk nicht die wortreiche Erklärung, sondern ob etwas wirklich "auf eigenen Beinen steht" ...
Anmerkung:
Ich hätte hier gern mehr Originale gezeigt, aber die hätte ich aus Büchern scannem müssen (Urheberrechte!)...
Auf meinen Reisen durch Shakerdörfer habe ich zwar etliche Formen gesehen und fotografiert, aber ich hatte sie zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Blogbeitrages nicht parat.
So viel jetzt erst einmal dazu. Danke für's Lesen.
Die folgende Galerie soll die Meinung der Experimentierfreude der Shaker in diesem speziellen Thema zeigen:
größer beim click auf die Bilder
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ist der darauf bezogene Folgebeitrag









































