Romana - Ein schöner und seltener Vorname: Die Römerin.
Sie wäre eigentlich ein eigenes Buch wert - so interessant und faszinierend...
Wir stammen aus dem gleichen Ort und gingen an die gleiche Schule. Sie ist anderthalb Monate älter als ich und kam ein Jahr eher in die Schule. Deshalb waren wir nicht im gleichen Jahrgang. Wir kannten uns nur vom flüchtigen Sehen und hatten keinerlei Berührungspunkte. Ehrlich, sie war damals nicht mein Typ und wäre es auch nicht geworden. Aber dann doch, beim Tanz – wie so oft, dafür ist ja dieses seltsame Ritual wohl auch mit da. Damals jedenfalls.
Das dauerte alles nicht sehr lange, bis wir uns einig waren. Sie war verliebt und ich wollte aus dem Gefängnis DDR flüchten.
Da ging es schon los. Das sagte ich ihr natürlich nicht und wir unternahmen viel zusammen, denn ich wollte nochmal etwas vom Leben genießen, das ich ja bald aufs Spiel setzen musste. So machten wir viele Motorradtouren zu schönen Orten, die für uns erreichbar waren. Sie war immer eine gute, geliebte Begleitung, die sich für die gleichen Dinge interessierte wie ich. So soll es sein.
Was ist stärker – Liebe oder Freiheitsdrang? Schwere Frage. Am besten beides.
Wir heirateten nach gut einem Jahr, als wir uns kennengelernt hatten.
Meine Fluchtgedanken nagten noch immer. Irgendwann sagte ich es ihr zum ersten Mal. Ich hatte auch die Befürchtung, dass es uns so gehen könnte wie so vielen Ehepaaren in der DDR – sie ließen sich oft bald wieder scheiden. Das Land war wohl damals statistisch führend bei Ehescheidungen. Das sah ich auch bedrohlich auf uns zukommen, denn die Unzufriedenheit im Allgemeinen und letztlich im Persönlichen wurde immer stärker. Meine Befürchtung war, dass ich es lebenslang bereuen könnte, meinen Plan nicht verwirklicht zu haben und hier versauere.
Normalität ist nichts für mich und auch sie...
So begann ich also, es ihr zu erklären und sie verstand. Wichtig zu sagen: Ich stellte es ihr frei. Wenn sie es nicht wagen wollte, bliebe ich. Ich hatte bei unserer Trauung JA gesagt, und das gilt.
Sie hat dann auch Ja gesagt zu unserem Plan – mit Leib und Seele und ihrer Liebe.
Das kann man sich kaum vorstellen, das gibt es vielleicht in Hollywood.
Die Dinge und Umstände fügten sich für uns. Flucht, Neubeginn, Familie, Meisterprüfung, Tischlereigründung – alles aus eigenen Kräften. Denn Unterstützer waren "nur" kaufende Kunden. Und Menschen kaufen nur, wenn sie einen großen Gegenwert erhalten.
Wir mussten besser oder einzigartig sein. Auch im Handwerk wird man als Konkurrent von Kollegen nicht mit offenen Armen empfangen – im Gegenteil!
Die perfekte Arbeitsteilung
Romana kümmerte sich schon von Anfang an um die finanziellen Vorgänge. Als studierte Ökonomin und Bankerin mit einem Tischler verheiratet, machten wir Arbeitsteilung, und das war schon mal ideal. Es kommt aber noch besser: Die Verhandlungen mit der Bank für Kredite, das Büro und die ordentliche monetäre Abwicklung der Aufträge war ihr Part. Ich konnte frei wirken und alle Zusagen dem Kunden gegenüber erfüllen. Diese Konstellation macht erfolgreich.
Und sie war und ist stets an meiner Arbeit interessiert und hat mir hunderttausend Sachen abgenommen, an denen ich nicht interessiert war, oder sie konnte.
Shaker – unsere gemeinsame Leidenschaft
Ein für uns beide schönes Kapitel ist das "Shaker-Thema": Wir lernten die Shaker, ihre Denke und ihr Design zusammen auf Reisen durch die USA kennen. Nur wegen ihnen fuhren wir dahin, um alles in uns aufzusaugen und anschließend zu verwirklichen.
Shaker-Möbel waren unsere Stärke und unser Tun.
So eine Spezialität hier in Deutschland einzuführen und davon zu leben, geht nicht von selbst. Wir mussten bauen, zeigen, überzeugen. Nicht nur hier auf dem Dorf, sondern bundesweit. Messen zu besuchen als Aussteller ist nochmal eine andere Dimension, wenn es bis zur Frankfurter Messe ging. Kosten und körperliche Anstrengungen inklusive.
Wie sie das alles mitgemacht hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Wir haben zwei Söhne.
Aber es ging bei Weitem nicht nur um Büroarbeit...
Als unser Lieferant aus den USA für die Shaker Oval Boxes nicht mehr erreichbar war, sprang sie erfreut ein und machte das sehr gut und mit so viel Enthusiasmus, dass sie kaum zu stoppen war. Hunderte, über 1000, mit Sicherheit – für Versandhändler und eigenen Verkauf auf Märkten und im Shop.
Dem nicht genug:
Sie fuhr jeden Tag mit dem Rad 5 Kilometer zur Arbeit, sie rannte vorher noch täglich mit dem Hund 5 bis 10 Kilometer durch den Wald, nachdem die Kinder zur Schule gebracht waren. Dann Mittagessen für die Kinder, Büro und so weiter.
Wenn man älter wird, fragt man sich: Wo kam all die Energie her?
Die Shaker-Stühle, die ich zu den Tischen machte, hatten traditionell einen mit Bändern geflochtenen Sitz. Das war ein Engpass, da ich es als Tischler weder machen wollte, noch das Geschick dazu hatte. Also machte es ein Polsterer für uns, nachdem es zwei Korbflechter nur gerade so hinbekommen hatten. Kostet alles Geld und Umstände.
Wir kamen auf den Gedanken, dass Romana es machen könnte – und sie tat es mit Bravour, besser als alle anderen zuvor: fest gespannt, gut zu sitzen und akkurat. Ich bin jedes Mal stolz auf sie, wenn wieder ein Schaukelstuhl oder Hocker fertig ist, man sich darauf setzt und gleich ein breites Lächeln kommt, weil man so gut sitzt.
Sie hat so viele Stühle geflochten, dass man mit dem Zählen kaum nachkommt. Sehr gute, zuverlässige Arbeit.
Hätte sie es nicht gemacht, wären wir nicht so weit gekommen. Und wir sind immer noch nicht fertig.
Ihre eigene Kunst
Ihre persönliche Leidenschaft war schon immer Natur, Garten und ihr Ausdruck in bildender Kunst. Das kam manchmal leider zu kurz. Nachdem wir aus den finanziellen Verpflichtungen raus waren, setzten wir uns neue Ziele. Ihres war, das endlich zu machen, was so lange gewartet hatte: Kunst.
Im Alter von 66 Jahren meldete sie ihr Gewerbe an und machte sich als Künstlerin selbstständig. Wieder ein einzigartiges Konzept mit natürlichen Erdpigmenten und Naturmaterialien – andere Menschen zu befähigen, ihre Vision in einem Bild sichtbar und motivierend selbst zu gestalten.
"Jeder ist ein Künstler", hat Joseph Beuys gesagt. Das trifft auf Romana's Konzept besonders zu.
Ein treuer Kamerad, Geliebte und Lebenskünstlerin.
Ich liebe dich.
PS: Nachtrag zu all den wundervollen Leistungen von Romana – sie betreute unsere Messeauftritte und führte vor und beriet Besucher auf Sonderausstellungen, gab Kurse bei Handwerkskammern für andere Tischlermeister oder Berufsschullehrer, verkaufte und betreute. Eine Lehre zum Tischler brach sie zugunsten eines anderen Lehrlings ab, der kurze Zeit darauf abgeworben wurde- sonst wäre sie heute auch Tischlermeisterin. Auch hat sie unsere beiden Läden in Göttingen geleitet: Naturbetten in der Roten Str. und später über 7 Jahre unsere Schiebetüren- und Möbelausstellung.
Was mich besonders beeindruckt: Ihre Bereitschaft, immer etwas Neues zu erlernen, Neuland zu betreten. Sie arbeitete sich in ein Computerprogramm ein, das Einrichtungen mit Schränken und Schiebetüren plant, damit wir sie besser anbieten und verkaufen konnten. Nebenher machte sie auch eine Ausbildung zum Wohnberater und zur Heilpraktikerin mit
Spezialisierung auf das Familienstellen nach Hellinger. Immer neugierig, immer bereit, zu wachsen.
Das war jetzt mehr unsere “Tischler-Seite”, um die es ja hauptsächlich hier geht. Persönlich und familiär geht es mir auch sehr gut, denn sie ist auch eine gute Hausfrau, kocht und backt gern und gut. Und ist ein genussvoller, bodenständiger “Stier”.
Das darf ich alles mit ihr erleben. Und wenn ich daran denke, dass ich das fast alles durch einen einzigen Moment versäumt hätte, als ich im Alter von 24 zu ihr sagte, dass ich wohl eigene Wege gehen werde oder muss...
Ich danke herzlich für Ihren Kommentar! Das ist gut und mutig, die persönliche Meinung rauszulassen, denn passive Zuschauer gibt es zu viele...









Olaf Schmidt (Mittwoch, 26 November 2025 17:33)
Eine wunderschöne Hommage an ihre Frau mit wunderbaren Erinnerungen ihres Lebens!
Viel Glück und Zufriedenheit für Ihre Zukunft.
Schönen Gruß, Olaf Schmidt
Gabriele (Mittwoch, 26 November 2025 14:40)
Liebe Herr Seewald!
Danke für das Teilen Ihrer beider außergewöhnlichen Lebens. Beeindruckend. Ich wünsche Ihnen alles Gute für eine wunderschöne gemeinsame Zukunft.
Liebe Grüße, Gabriele
Maria Galati-Neidl (Dienstag, 25 November 2025 22:44)
Lieber Herr Seeland, vielen Dank, dass Sie mit uns ein Teil ihr Geschichte erzählten. Vielen Dank für die viele schöne Objekte und Möbel, die Sie und ihre Frau gebaut haben. Sie haben viele menschen sehr erfreut. Alles Gute!