Ver-schleiern

 

Wer verschleiert was?

Man trägt Maske. Man bedeckt, was nicht gleich sichtbar sein soll. Ursprünglich denke ich dabei an die verschleierte Braut. Man ahnt etwas, aber das Wesentliche bleibt zunächst verborgen. Nicht alles wird sofort gezeigt. Nicht alles liegt offen da...

Darin liegt schon die ganze Spannung: Ein Schleier kann schützen – oder täuschen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, heißt es im Kleinen Prinzen.

Das offen Sichtbare allein genügt aber nicht immer, um wesentliche Werte zu erkennen. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Was ist verhüllt und wird damit absichtlich verborgen?

Was gibt es im Handwerk eines Tischlers zu verschleiern? Eigentlich wenig bis nichts. Wir stehen mit dem fertigen Stück vor dem Kunden, und er kann es von allen Seiten ansehen, begutachten, bewerten und nachfragen. Das Werkstück muss dem kritischen Blick standhalten. Gewährleistung ist im professionellen Handwerk gesetzlich verankert. Es braucht da kaum eine Maske.

 

Anders ist es dort, wo Oberflächen und Materialien täuschend echt (nach-)gemacht werden.

In der Möbelindustrie werden Hölzer und Dekore heute so überzeugend nachgebildet, dass selbst Fachleute oft zweimal hinschauen oder fühlen müssen. Sogar das typische Hirnholz einer Massivholzplatte oder eine Multiplex-kante werden inzwischen elegant um Spanplatten drapiert. Die Täuschungen werden immer echter.

 

Aber womit geben wir uns eigentlich zufrieden? Ist es Selbstbetrug, wenn wir wissen, dass etwas nur so tut, als ob – und wir es dennoch akzeptieren?

War es billiger? Vielleicht meinen wir, andere würden es ohnehin nicht merken? Wir beruhigen uns selbst: "Es wird schon reichen."

Doch der Zweifel ist zäh. Wer sich mit Dingen umgibt, die nicht wertig sind, lebt oft mit einem stillen inneren Kompromiss. Man weiß es. Was nur Oberfläche ist, gibt auf Dauer keine wirkliche Ruhe.

 

Ähnlich ist es bei KI-generierten Bildern oder Videos. Immer überzeugender, immer glatter, immer perfekter.

Das Wissen allein, daß es Fake ist, beunruhigt oder macht sogar inneren Stress.

 


 

In diesem Zusammenhang beim Thema Verschleiern, habe ich noch ein Beispiel:

Mehr als vierzig Jahre nach unserer Flucht über die deutsch-deutsche Grenze halte ich zum ersten Mal meine Akte der damaligen DDR-Grenztruppen in den Händen. 181Seiten! Alles wurde akribisch untersucht, Spuren wurden gesichert, Beweise gesammelt. Und dann stehen da seltsame Sätze. Da ist von „roter Substanz" am Betonpfosten in nordöstlicher Richtung“ die Rede. Sogar Gras wurde in Glasröhrchen gesichert, ebenfalls mit "roter Substanz" daran.

Rote Substanz? Was für eine merkwürdige, kalte Formulierung. Die Fotos in der Akte sind alle in schwarz-weiß. Vielleicht kam mir gerade deshalb unwillkürlich der alte Schlager von Nina Hagen in den Sinn: „Du hast den Farbfilm vergessen.“ Nur geht es hier nicht um Ferienbilder und Farblosigkeit im Leben in diesem Land.

Es ging in dieser Untersuchung um Spuren und Beweise. Und doch bleibt die Formulierung bemerkenswert. Sie macht das Geschehen sachlich, technisch, fern. Hier zeigt sich wieder eine Form des Verschleierns: nicht durch offene Lüge, sondern durch Sprache, die die Wirklichkeit verstellt.

 


 

 

Der Wert von Ehrlichkeit und wirklicher Erfahrung steigt auch trotz und gerade wegen KI immer mehr. Worauf kann  man sonst noch vertrauen? Was ist echt – und was nur gut gemacht? Was hat Substanz – und was ist oberflächliche Täuschung?

Unehrlichkeit und Lügen machen das Leben schwerer. Sie untergraben unser (eigentlich angeborenes Ur-)Vertrauen. Sie zwingen uns zu ständiger, unterbewusster Wachsamkeit. Und das verbraucht unsere Energie. Darum wäre es wichtig, sich nicht an das Unechte zu gewöhnen – weder im Material noch in der Sprache noch im eigenen Leben.

Am besten ist es wohl, so zu sein, wie man eben ist. Einfach, und ohne Selbst-Kasteiung.

Nicht alles zeigen müssen und nichts vorspiegeln. Nicht perfekt sein wollen--müssen, aber wahr-haftig.

Das beruhigt.

 

Wie oft fallen wir wohl täglich auf etwas herein? Und woran erkennen wir noch, was echt ist?

Oder gewöhnt man sich still immer mehr daran?

Vielleicht bleibt am Ende doch ein einfacher Prüfstein: Was echt ist, muss sich nicht so anstrengen.


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