Reaktionen

 

Neulich habe ich Eichenholz mit meiner selbstgemachten Eisenbeize behandelt. Ich kenne das längst, und doch hat es fasziniert mich immer wieder Man trägt die Beize auf, und schnell bis allmählig beginnt das Holz sich zu verändern. Die holzeigene Gerbsäure reagiert, die Fläche wird schwarz und es ist dann die typische Antwort, die aus dem Material kommt. 

Einen ähnlichen Vorgang kenne ich vom amerikanischen Kirschbaum: Wenn dort etwas auf der fertigen Fläche liegt, eine kurze Zeit nur, dann bleibt unter dieser Abdeckung ein heller Fleck zurück. Das Licht hat den offenen Bereich dunkler gemacht, die verdeckte Stelle natürlich nicht. Auch das ist eine bemerkenswerte und relativ schnelle Reaktionbei gerade erst gelieferten Möbeln. 

Solche Dinge beschäftigen mich. Vielleicht, weil Reaktionen oft klarer sind als Erklärungen. Sie zeigen, was tatsächlich passiert.

Das gilt nicht nur für Holz. 

Ich musste daran denken, als ich unserer Futterstelle für meist Spatzen, ein neues Dach verschafft habe. Der Gedanke war einfach: Das Futter sollte durch mehr Überstand des Daches auch bei feuchtem Wetter trocken bleiben. Eigentlich also nur eine kleine  Verbesserung, aber die Spatzen sahen das offenbar anders. Sie kamen wie sonst auch, in kleinen Gruppen, beobachteten die gewohnte Futterstelle, beobachteten das Futter, aber gingen nicht dran. Es war derselbe Platz. Es war dasselbe geliebte Futter. Nur der Deckel war anders . Und doch war etwas so anders geworden, dass ihr Misstrauen stärker war, als Gewohnheit und Hunger im Winter. Erstaunlich!

Das hat mich nicht nur wegen unserer "Spatzen-Gangs" beschäftigt, es kam mir auch irgendwie vertraut vor... 

 

 

Bei meiner Arbeit mit den Shaker-Möbeln erlebe ich etwas Ähnliches. Wenn ich ein Möbel oder ein Artefakt baue, das klar in der überlieferten Shaker-Form steht, wird es gut angenommen. Viele Menschen haben dabei sofort ihr Bild im Kopf. Sie erkennen etwas Vertrautes. Sie haben die Sicherheit, "dass es immer so war".

Sobald ich aber darüber hinausgehe, wird die Sache  zurückhaltender. 

Ich nenne mein Erweitern: "Shaker-Line". 

Damit meine ich keinen Bruch mit dem Alten und auch nicht den Versuch, einfach anders zu sein. Mich interessiert eher die Frage, was an einer Form so tragfähig ist, dass man sie weiterdenken kann. Hat es dann noch genügend Substanz und Funktion? Was enstpricht dem heutigen Leben und Geschmack eventuell besser, bewahrt aber noch den ursprünglichen Geist der Shaker?

Z.B. an einer Garderobenleiste sieht man das gut: Die traditionelle Shaker-Leiste ist verstanden. Sie ist bekannt, sie passt in das Bild, das viele Menschen von Shaker-Dingen haben. Meine "neue" Garderobenleiste folgt im Grunde dem selben Prinzip, nur in einer anderen Form, freier, gegenwärtiger, im aktuellen Fall aus Esche, Kirsche, Eiche.

Sie ist kein Gegenstück aus Eigenwilligkeit, sondern eine Weiterführung - doch verkauft sich die traditionelle Form besser

Ich frage mich dann schon, worauf Menschen in solchen Momenten eigentlich reagieren. Auf die Qualität der Sache? Auf ihren Gebrauchswert? Oder doch zuerst auf das Maß an Vertrautheit? Die Sache ist für mich ziemlich klar:

Es ist meist das Letztere. Wir wählen vornehmlich zuerst das Bekannte. Das Neue muss sich erst bewähren, selbst dann, wenn es sorgfältig gedacht ist und vielleicht sogar eine Verbesserung darstellt.  - So gesehen sind die Spatzen gar nicht so weit weg.  

Dazu passt noch eine andere Beobachtung aus dem Shaker-Bereich:

Viele Menschen meinen, Shaker-Möbel seien fast immer aus Kirschbaum gewesen. Das stimmt so nicht generell. Es wurden auch viele andere, vorhandene Hölzer verwendet, aber zum Teil rötlich gefärbt oder einheitlich gestrichen. Aber das Bild vom Kirschbaum sitzt fest.

Auch darin steckt ebenfalls eine Reaktion, nur auf einer anderen Ebene.

Man reagiert auf die Vorstellungen, die sich einmal festgesetzt haben. 

 


Wir reagieren nicht nur auf die Dinge an sich, sondern auf das, was wir in ihnen zu sehen glauben. Beim Holz ist das einfacher. Bei Tieren schon weniger. Beim Menschen wird es unübersichtlich. Deshalb habe ich Aufmerksamkeit darauf. 

Veränderung ist auch Weiterentwicklung, und nicht immer nur Störung.

Das Vertraute gibt Sicherheit. 

- Aber es ist nicht immer die bessere Wahl. 

Das Neue kann uns lebendiger machen.

Vielleicht falle ich deshalb auch mal lieber hin, auch wenn die Möglichkeit hoch ist, dass es nicht klappt - aber das Experiment reizt mich immer noch, da es den Pool an Erfahrungen mit "Sicherheit" bereichern wird und man sich hoffentlich anschließend lebendiger fühlt.

Mein Lohn ist dann oft ein inneres Lächeln, das keiner bemerkt. 

 

In diesem Sinne verweise ich gern auf meine Spielwiese: DANEBEN >>

(die News werden dafür jetzt geopfert)